Heute vor 18 Jahren…..

…..änderte sich mein Leben schlagartig.
Niemals werde ich diesen Tag vergessen.
Ich ließ alles hinter mir….meine Familie, meine Verwandtschaft, Bekannte, meine Freunde, meine beste Freundin und zog 300km weit weg.
In eine ungewisse Zukunft….nur mit meinen Kids, ein paar Klamotten, Spielzeug und ein bissel Hausrat.
Der Abschied meiner Lieben fiel mir so unglaublich schwer, wir heulten alle Rotz und Wasser.
Ich wusste aber, das es das einzig Richtige war.
Ich war ein nervliches Wrack, beim Telefonklingeln zuckte ich zusammen und beim Türklingeln geriet ich in Panik.
Ich hatte Angst, fürchterliche Angst. DAS bestimmte mein Leben.

Wie es dazu kam:
Über 4 Jahre war ich mit meinem damaligen Lebensgefährten zusammen, wir hatten einen Sohn zusammen und verstanden uns gut….dachte ich.
Bis er eines Tages (kurz vor Pfingsten 1993) mal nach Hause kam und ich instinktiv wusste, das er mich betrogen hatte.
Ich fragte und er gab es widerwillig zu.
Ich liess ihn stehen und ging einfach ins Bett.
Enttäuscht und verletzt.
Am anderen Tag sagte ich zu ihm, das ich unsere Beziehung beende und er sich eine Wohnung suchen soll (ich war alleinige Mieterin, er zog damals zu mir).
Von dem Tag an war nix mehr so, wie es mal war.
Wir haben uns diese 4 Jahre so gut wie nie gestritten, er hat mich nie angeschrien (da kriege ich Panik, das wusste er) und er wurde niemals handgreiflich.
Das wurde jetzt alles anders.
Er veränderte sich, von einem Tag auf den anderen.
Es lag eine furchtbare, angespannte Stimmung in der Luft. Fast greifbar.
Immer dachte ich, er explodiert.
Er drohte oft und wurde auch handgreiflich.
Ein paar Tage später flüchtete ich mit den Kids in ein Frauenhaus.
Er tobte….und drohte mir, meine komplette Wohnung zu zertrümmern, wenn ich nicht zurück käme.
Ich verstand ihn nicht….er hatte ein Verhältnis mit der Frau seines besten Freundes. Sein bester Freund zog aus der gemeinsamen Wohnung aus und er zog bei ihr ein.
MIR liess er trotzdem keine Ruhe.
Ich saß wie auf einem Pulverfass (er hatte noch die Schlüssel zu meiner Wohnung, meine Freundin war nicht immer zu Hause, um auf meine Wohnung aufzupassen) und rief meinen Anwalt an, der an diesem Morgen nicht erreichbar war.
Ich beantragte also selber eine Einstweilige Verfügung und bekam sie….NICHT, mit der Begründung: Könnte ja jeder kommen.
Ich konnte mich nur mühsam beherrschen.
Es war aber mittlerweile früher Nachmittag und ich wusste, das mein Anwalt jetzt erreichbar sein würde.
Ein Anruf von ihm genügte und ich hatte die Einstweilige Verfügung.
Es war aber zu spät.
Der Anruf meiner Freundin erreichte mich, als ich wieder zurück im Frauenhaus war.
Er hatte es getan, wie er es angedroht hatte.
Sie stand fassungslos in meiner Wohnung und erzählte es mir schluchzend.
Ich solle sofort herkommen, sie hätte die Polizei schon angerufen.
Wir trafen zeitgleich ein.
Als ich meine Wohnung betrat, brach ich in Tränen aus.
ALLES….wirklich ALLES war kaputt. Zertrümmert. Oder mit Farbe eingesprüht oder zerschnitten.
Selbst die Polizisten standen fassungslos in meiner Wohnung und sagten zu mir: Sowas hätten sie in ihrer langjährigen Amtszeit noch nicht gesehen. Wenn ich irgendwo einen Fotapparat hätte, sollte ich Fotos machen. Die würden mir nochmal helfen. Das tat ich….und erstattete Anzeige gegen ihn.
Ich besaß also NICHTS mehr, ausser meinen Klamotten, vereinzeltes Spielzeug und etwas Hausrat.
Mein Onkel bestellte einen Container, für die zertrümmerten Möbel und alles andere und renovierte dann meine komplette Wohnung.
Nach knapp 6 Wochen Frauenhaus zog ich wieder in meine Wohnung und fing das 2. Mal in meinem Leben bei Null an.
Die Polizei versicherte mir, dass sofort reagiert wird, wenn ich (oder meine Freundin) anrufen würden. Sie notierten sich unsere Namen und ich war etwas beruhigter.
Er terrorisierte mich weiter zu jeder Tages.- und Nachtzeit mit Anrufen und nächtlichem Türklingeln.
Die Sozialarbeiterinnen im Frauenhaus fanden es nicht richtig von mir, das er seinen Sohn sehen (und mitnehmen) konnte, wann immer er wollte.
Ich dachte aber, das besänftigt ihn und er findet sich mit der Situation ab.
Ein paar Wochen später eskalierte die Situation wieder.
Zum Glück wusste meine Freundin immer, wann er mir unseren Sohn zurückbrachte und war jedesmal rechtzeitig zur Stelle, um Schlimmeres zu verhindern.
Das Kind heulte und ich war wie gelähmt vor Angst.
Meine Freundin hatte KEINE Angst vor ihm und ging, wie immer, dazwischen, wenn er gegen mich handgreiflich wurde.
Bevor er über die Regenrinne meines Balkons (2. Stock!!) flüchtete, zerschlug er noch den Glastisch im Wohnzimmer und den Fernseher.
Innerhalb von 5 Minuten war die alarmierte Polizei da.
Ein Streifenwagen und ein Mannschaftswagen.
Er verstiess gegen die Einstweilige Verfügung und innerhalb von einer halben Stunde wurde er gefasst und festgenommen.
Wieder Anzeige erstattet und 24 Stunden später (länger konnte man ihn nicht in Gewahrsam behalten, weil er einen festen Wohnsitz hatte) bin ich mit den Kids wieder ins Frauenhaus geflüchtet. Ich fühlte mich in meiner eigenen Wohnung nicht mehr sicher.
Ich schlief nicht mehr und meine Nerven lagen blank und ich traute mich nur noch in Begleitung meines Onkels auf die Strasse.
Das war kein Leben mehr.
Innerhalb von einer Woche hatte ich mit Hilfe der Sozialarbeiterinnen ein anderes Frauenhaus in der Nähe von Bremen gefunden, was mich mit den 3 Jungs aufnahm.
Nur meine Eltern und meine beste Freundin wussten, das ich wegzog. Wohin….habe ich aus Sicherheitsgründen verschwiegen.
Zwei Mitarbeiter unseres Frauenhauses fuhren mich, nach dem Abschied meiner Lieben, mit meinen paar Habseligkeiten, in einem Kleinbus in das andere Frauenhaus.
Ab dann gingen die Laufereien los….Abmelden, Ummelden, Sozialhilfe beantragt und ne Auskunftssperre gefordert, die ich begründen musste, was innerhalb von 3 Tagen, aufgrund der Fotos meiner zerstörten Wohnung, sofort genehmigt wurde.
Ich bin immer stark gewesen und ein Stehaufmännchen.
Das kam mir jetzt wieder zugute.
Ich setzte mir ein Ziel…..Weihnachten werde ich mit meinen Kids in einer neuen Wohnung verbringen, NICHT im Frauenhaus.
Ich suchte, telefonierte und besichtigte…..und hatte unglaubliches Glück.
Ein Hausbesitzer (mein späterer Vermieter) fragte mich, warum ich diese Wohnung wolle. Er wusste, das ich aus Hessen kam (was an meiner Aussprache nicht zu überhören war) und ich erzählte ihm nach kurzem Zögern ehrlich, das ich mit meinen 3 Söhnen (2 hatte ich nur dabei) in einem Frauenhaus wohne.
Er musterte mich, schwieg kurz und sagte dann: Okay, wenn sie wollen, gebe ich ihnen heute schon die Schlüssel mit und zum 1.11. können sie einziehen. Wissen sie, ich habe selber 2 Söhne und 1 Tochter….und ich habe ein gutes Gefühl mit ihnen…..und lächelte mich an.
Innerhalb einer Stunde war ich die neue Mieterin einer 73 qm grossen 3 Zimmer/Parterrewohnung, mit 200 qm Garten in einem 2 Familienhaus.
Ich war sprachlos und freute mich riesig.
10 Tage später zogen wir ein und fühlten uns sofort sauwohl.
Im Laufe der folgenden Jahre lernte ich auch die Familie meines Vermieters kennen, seine Frau, seine beiden Söhne, die immer mit meinen spielten und seine Tochter Charlotte, die sogar oft bei uns übernachtete.
Selbst, als er Jahre später das Haus verkaufte, liess er uns (meiner Nachbarin und mir) solange Zeit, bis wir was anderes gefunden hatten.

Die erste Zeit war hart, auch für die Kids…aber nach ein paar Monaten hatten sie auch Freunde gefunden, ich war im Elternbeirat in Schule und Kindergarten und habe wieder stundenweise gearbeitet.

13 Monate später (September ´94) war die Verhandlung gegen meinen EX, wegen Körperverletzung und Vandalsismus.
Das hiess, ich musste zurück. Mir war mulmig.
Mein Onkel (1,95 gross, Marke Schrank) begleitete mich, als Schutz, zur Verhandlung. Mit ihm hatte ich keine Angst, obwohl ich wusste, das er wieder drohen würde, weil ich seinen Sohn mitgenommen hatte.
Es war so, wie ich es vorausahnte…und ich bin meinem Onkel heute noch sehr dankbar dafür, das er immer für meinen Schutz sorgte, wenn ich ihn brauchte.
Mein Ex bekam 5 Monate auf 3 Jahre Bewährung…..mit der Begründung, das seine Freundin mittlerweile im 6. Monat schwanger sei und der Richter dem jungen Paar nicht die Zukunft verbauen will.

Übrigens…..weigerte sich meine Versicherung, mir meinen Schaden von 60.000 DM zu bezahlen. So hoch war ich in meiner damaligen 60 qm Wohnung versichert, auch gegen Vandalismus.
Zitat: Die Einstweilige Verfügung bekam ich ca. 4 Stunden zu spät….und er war noch im Besitz meiner Wohnungsschlüssel. Zitat Ende

53 Gedanken zu „Heute vor 18 Jahren…..

  1. Extrem, nehme ich an. Und so unvorbereitet, wie man da hereinrutscht. Von einem Tag auf den anderen. Aber selbst wenn eine Welt zusamenbricht, kann man hier immer wieder aufstehen. Sagen wir mal so, besser als in Afhganistan.
    Öh, ich wollte halt was Positives drunterschreiben.

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    • Ich brauchte nicht aufstehen….ich stand immer!
      Schon für meine Kinder.
      Aber….es ist hart, irgendwo neu anzufangen, wo du niemanden kennst, ohne Familie und Freunde, völlig auf dich allein gestellt.
      Und das alles nicht, weil man will, sondern muss.
      Wegen eines Mannes.
      HEUTE könnte mir das nicht mehr passieren.

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  2. Boah wow…Ehrlich gesagt hätte ich in keiner Sekunde mit dir tauschen wollen.
    Das ist unglaublich, was dir und deinen Kids alles widerfahren ist.
    Ich bin froh, dass du den Schritt des Weggehens gewagt hast und das es dir heute, augenscheinlich, wieder gut geht.
    Ich hoffe und wünsche dir, dass es weiterhin gut bei dir läuft und das es dir und deinen Kids immer gut gehen wird.

    Danke für deine Offenheit.

    Liebe Grüße
    Caro

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    • Mir geht es heute wunderbar, ich habe hier mein Zuhause gefunden, mir ein neues, anderes Leben aufgebaut.
      Mein Weggehen damals habe ich nie bereut.

      Und heute….würde ich mich niemals mehr so behandeln lassen.
      Danke.

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  3. Ich bin immer noch fassungslos über das was ich da eben gelesen habe…das muss eine sehr schlimme Zeit für dich und deine Kinder gewesen sein, da ist es gut wenn man Freunde wie deinen Onkel hat…
    Auf das, was Du danach geschafft und erreicht hast, kannst du einfach nur stolz sein…:yes:

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    • Ach Roli, du machst mich verlegen. 😳
      Bewundernswert bin ich bestimmt nicht.
      Ich habe auch Ecken und Kanten und bin nicht perfekt.
      Ich war nur eine Mutter, die sich schützen musste, um für ihre Kinder sorgen zu können.
      Danke. 😉 *drück dich*

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      • Oh doch, das bist Du ! Wie viele Frauen schaffen es nicht – selbst für ihre Kinder nicht, Du warst mutig und stark und hast gekämpft und nicht aufgegeben – das ist mehr als nur bewundernswert.
        Ich drück dich auch, ganz doll sehr 🙂

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        • Das stimmt, egal, wie dreckig es mir jemals ging…..aufgegeben habe ich nie. Obwohl es teils harte Jahre waren.
          Es sollte wohl so sein. Ich kenne hier tolle Menschen, die ich sonst nie kennengelernt hätte.
          Und heute….sind die Kids erwachsen und ich weiss, wofür ich das alles gemacht habe.

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    • Damals….ja.

      Habe ich….und bereut habe ich es auch keine Sekunde.
      Es sollte wohl so sein.
      Und heute….geht es mir gut.
      Ich habe hier wirklich eine neue Heimat gefunden, auch wenn ich immer gerne nach Hause fahre.
      Zu meiner Family, Bekannten und zu meiner Freundin.
      Alles ist gut. 😉

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    • Es ist solange her.
      Komisch….ich weiss trotzdem alles noch so genau, als wenn es gestern gewesen wäre.
      Heute ist alles gut.

      Sach mal, ich denke ihr macht Urlaub…;D
      Meine Reiseunterlagen sind heute schon per Mail gekommen. Muss sie nur noch ausdrucken. *freu*

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  4. Herzlichen Glückwunsch!!!

    Du bist toll – das weißt du hoffentlich. Es ist nicht selbstverständlich, so viel Kraft aufzubringen, auch nicht für die Kinder.

    Nun ist dein neues Leben volljährig… Aber das merkst du sicher längst. 😉

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    • Ich liebe mein Leben….damals, das war kein Leben mehr, also musste ich was unternehmen.
      Ich wollte nur wieder ohne Angst leben.
      Und heute geht es mir gut, wie selten zuvor.

      Ich weiss! 😉
      Es kommt mir gar nicht so lang vor, diese Zeit.

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  5. Wie heißt es so schön: Schlimme Erlebnisse prägen einen … Mensch, U., was hast du alles überstanden? Lass dich mal herzlich drücken!

    Weißt du, wenn ich deine „Geschichte“ lese, denn denke ich wirklich, dass mein Problem mit Nähe auch Vorteile hat …

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    • Mehrere schlimme Erlebnisse haben mich und mein Leben geprägt.
      Mir wurde schon Gefühllosigkeit, Oberflächlichkeit und Kälte nachgesagt. Das mag auch so stimmen, bis man mich besser/näher kennt.

      Mag sein, das es Vorteile hat, aber es fehlt etwas Entscheidendes. Die wenigen Male, die ich Nähe zuliess, habe ich auf meinen Bauch gehört. Und mit diesen Menschen verbindet mich heute noch viel.

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      • Manche Menschen neigen dazu, vorschnelle Urteile zu fällen.

        Ja, ich weiß, was du meinst. Bei mir wird das sicherlich auch nicht immer so bleiben, aber momentan möchte ich es nicht anders haben. Ich habe durchaus auch Menschen, die mir sehr nahestehen. Die meisten davon tun das schon seit Jahren. Solche Beziehungen wachsen ja auch über die Jahre.

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  6. Ich schätze, es ist wieder vieles hochgekommen, als du mit deinem Sohnemann darüber gesprochen hast. Ich bin selbst vor meinem Mann geflüchtet, kenne das auch mit dem ‚Sozialhilfe beantragt und ne Auskunftssperre gefordert, die ich begründen musste …“. Tja, nur im Unterschied, dass ich die Genehmigung zwar sofort bekam, aber eine ‚Freundin‘ ihm meine neue Adresse verriet. Du kannst dir meinen Schock vorstellen, als er nach 11 Monaten plötzlich vor meiner Tür stand. Meine Kinder fingen direkt an zu weinen. Nee, dieses Zeit werde ich wohl nie richtig verarbeiten können. 😦

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